Eine Betrachtung von Prof. Dr. Heinz C. Schabulke
Es gab einmal eine Zeit, da wusste man sofort, dass man etwas Wertvolles gekauft hatte. Nicht etwa am Gerät selbst. Das war meistens klein, unscheinbar und in Beige gehalten. Nein – der wahre Beweis lag darunter.
Die Bedienungsanleitung.
Ein stattlicher Ziegelstein aus Papier, gebunden mit zwei rostfreien Heftklammern und in einer Schriftgröße, die nur von pensionierten Uhrmachern gelesen werden konnte. Wer ein neues Kofferradio kaufte, erhielt nebenbei ein kleines Fernstudium der Elektrotechnik.
Heute ist das anders.
Man kauft einen Fernseher mit einer Bildschirmdiagonale, auf der früher ganze Kinofilme gedreht wurden, und findet im Karton lediglich einen Zettel mit der Aufschrift:
"Scannen Sie den QR-Code."
Ein bemerkenswerter Satz.
Er setzt voraus, dass man das Gerät bereits bedienen kann, mit dem man die Anleitung herunterladen soll, die erklärt, wie man das andere Gerät bedient.
Ich habe diese Logik einmal einem Philosophen erklärt. Er kündigte daraufhin seine Professur.
Früher war eine Bedienungsanleitung ein Abenteuer. Sie begann stets mit dem Satz: „Wir beglückwünschen Sie zum Erwerb dieses hochwertigen Qualitätsproduktes.“ Man fühlte sich sofort wie der Besitzer eines Kernkraftwerks.
Danach folgten sechzig Seiten Warnhinweise.
Man durfte das Gerät nicht in der Badewanne benutzen, nicht auf offener Flamme trocknen, nicht in den Mund nehmen und keinesfalls öffnen. Letzteres war besonders reizvoll formuliert. Denn natürlich stand irgendwo im Inneren des Gerätes noch einmal ein Aufkleber: „Nicht öffnen!“
Ich habe mich immer gefragt, wie man diesen Aufkleber anbringen konnte, ohne das Gerät vorher zu öffnen.
Bis heute konnte mir das niemand überzeugend erklären.
Besonders schön waren die Explosionszeichnungen.
Jedes Bauteil schwebte einzeln im Raum. Schrauben, Federn, Zahnräder – alles fein säuberlich nummeriert. Man gewann den Eindruck, das Gerät sei nur durch Zufall zusammengebaut worden und könne jederzeit wieder in seine Einzelteile zerfallen.
Und irgendwo auf Seite 83 stand der beruhigende Satz:
„Der Zusammenbau erfolgt in umgekehrter Reihenfolge.“
Ach so.
Warum hat das niemand früher gesagt?
Natürlich las kein Mensch die Anleitung vollständig. Das wäre auch unklug gewesen. Bedienungsanleitungen waren nicht zum Lesen gedacht. Sie gehörten ins unterste Fach des Wohnzimmerschranks, direkt neben Garantiekarten, abgelaufenen Batterien und dem Kabel, von dem niemand wusste, wozu es einmal gehört hatte.
Aber sie waren da.
Sie vermittelten Sicherheit.
Man musste sie nicht lesen. Es genügte zu wissen, dass man sie hätte lesen können.
Heute ist Sicherheit digital.
Die Anleitung befindet sich auf einem Server in Irland, wird alle drei Wochen aktualisiert und verschwindet zuverlässig genau dann aus dem Internet, wenn das Gerät nach sieben Jahren zum ersten Mal ein Problem hat.
Dann findet man nur noch einen Hinweis:
"Diese Seite wurde leider nicht gefunden."
Ich vermisse die alten Bedienungsanleitungen.
Nicht, weil sie verständlicher gewesen wären. Das waren sie keineswegs. Aber sie hatten Gewicht. Im wörtlichen Sinn.
Wenn ein Regal wackelte, konnte man einen Stapel Bedienungsanleitungen darunterlegen. Versuchen Sie das einmal mit einem QR-Code.
Das funktioniert erstaunlich schlecht.
Übrigens besitze ich noch immer die Anleitung meines ersten Kassettenrekorders. Das Gerät existiert seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Anleitung dagegen sieht aus, als könne sie morgen wieder in Betrieb gehen.
Ich hebe sie auf.
Man weiß ja nie.
Vielleicht erscheint eines Tages eine App, die erklärt, wie man alte Bedienungsanleitungen entsorgt.
Ich werde sie selbstverständlich nicht herunterladen.
In diesem Sinne verbleibe ich Ihr
Prof. Dr. Heinz C. Schabulke *
Emeritierter Spezialist für Geronto-Pedalogie
Ehemaliger Managing Director senior-tours.de
Institut für angewandte Altersmobilität
Abteilung Rückenwindforschung
- ... besitzt nach eigener Aussage noch die Bedienungsanleitung einer sowjetischen Feldtelefonanlage aus dem Jahr 1964. Das Gerät selbst musste er damals leider zurücklassen. Die Geschichte dahinter ist kompliziert und betrifft mehrere Zollbeamte, zwei Ziegen und eine überaus missverständliche Einladung nach Bulgarien.