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Über die wissenschaftliche Notwendigkeit des langsamen Gehens

Es gibt Angelegenheiten, über die die moderne Wissenschaft beharrlich schweigt. Das ist bedauerlich, denn gerade dort liegen bekanntlich ihre größten Erkenntnislücken. Nehmen Sie beispielsweise das langsame Gehen. Jeder spricht von Bewegung. Niemand spricht von Geschwindigkeit. Das ist ungefähr so, als würde man beim Wein ausschließlich über das Glas reden und niemals über den Inhalt.

Ich beschäftige mich mit diesem Phänomen seit meiner Feldforschung im oberen Vinschgau. Damals begegnete ich einem Mann, der einen Bergpfad so langsam hinaufstieg, dass ihn zwei Wandergruppen für einen Grenzstein hielten. Als ich ihn am Abend schließlich einholte, erklärte er mir, er habe es überhaupt nicht eilig gehabt, weil der Gipfel morgen noch derselbe sei. Diese Bemerkung erschien mir zunächst naiv. Heute halte ich sie für einen Meilenstein der Bewegungsforschung.

Es wird ja ständig behauptet, schnelles Gehen sei gesund. Das mag sein. Aber gesund wofür?

Wer schnell geht, kommt früher an. Und was geschieht dann? Er wartet. Auf die anderen. Auf den Bus. Auf die Apotheke, die erst um zwei wieder öffnet. Oder auf den Arzt, dessen Termin ohnehin eine halbe Stunde Verspätung hat. Die eingesparte Zeit wird also unmittelbar wieder vernichtet. Das ist physikalisch höchst unerquicklich.

Langsames Gehen hingegen erzeugt einen bemerkenswerten Effekt. Während der Körper noch unterwegs ist, hat der Geist bereits Gelegenheit, sich umzusehen. Man entdeckt Dinge, die dem schnellen Menschen grundsätzlich verborgen bleiben: eine schiefe Dachrinne, einen Hund, der offensichtlich über seine Lebensentscheidungen nachdenkt, oder jene ältere Dame, die seit Jahren exakt denselben Blumenkasten gießt und dabei eine Gelassenheit ausstrahlt, für die andere teure Meditationsseminare besuchen.

Ich erinnere mich an eine Untersuchung, die ich Ende der achtziger Jahre beinahe durchgeführt hätte. Es fehlte lediglich an Teilnehmern, Finanzierung und Interesse der Universität. Die theoretischen Ergebnisse waren jedoch außerordentlich überzeugend. Danach verlängert sich ein Spaziergang proportional zur Zahl der interessanten Beobachtungen am Wegesrand. Dieses Prinzip nannte ich später den Retardationskoeffizienten der altersgerechten Fortbewegung. Die Fachwelt reagierte mit dem Schweigen, das sie immer zeigt, wenn sie einer bedeutenden Entdeckung gegenübersteht.

Besonders auffällig ist die Ungeduld jüngerer Menschen. Sie laufen durch Innenstädte, als hätten sie einen Sonderauftrag der Zeitverwaltung erhalten. Dabei tragen sie Geräte mit sich, die ihnen jeden Schritt zählen. Welch ein Misstrauen gegenüber den eigenen Beinen! Früher wusste man auch ohne App, dass man gegangen war. Die leicht schmerzenden Füße übernahmen diese Dokumentation vollkommen kostenlos.

Ältere Menschen werden gelegentlich kritisiert, weil sie langsamer unterwegs seien. Welch grotesker Vorwurf. Wer jahrzehntelang gelebt hat, weiß eben, dass die meisten Probleme durchaus warten können. Nur Milch sollte man nicht stundenlang in der Sonne stehen lassen. Alles andere gewinnt oft durch etwas Verzögerung.

Während meiner Gastprofessur an einem Institut, dessen Name aus juristischen Gründen bis heute ungenannt bleiben muss, führte ich einmal einen Vergleich durch. Zwei Kollegen wurden gleichzeitig zum Mittagessen geschickt. Der eine eilte. Der andere schlenderte. Der Eilige war sieben Minuten früher angekommen, hatte aber bereits vergessen, weshalb er überhaupt unterwegs gewesen war. Der Langsame erschien später, begrüßte unterwegs zwölf Menschen, fand eine verlorene Geldbörse und wusste am Ende sogar noch, was auf der Speisekarte stand. Ich sehe darin einen klaren wissenschaftlichen Zusammenhang.

Man darf das langsame Gehen daher keineswegs als körperliche Einschränkung missverstehen. Es handelt sich vielmehr um eine Form angewandter Lebensökonomie. Der Körper reduziert seinen Energieverbrauch, während das Gehirn die frei gewordene Zeit in Beobachtung, Erinnerung und gelegentlich in völlig überflüssige Gedanken investiert. Genau diese überflüssigen Gedanken sind es jedoch, aus denen Kultur entsteht. Niemand hat jemals beim Sprint ein Gedicht geschrieben.

Ich selbst gehe inzwischen grundsätzlich langsam. Nicht aus Altersgründen. Das wäre eine unzulässige Vereinfachung. Ich tue es aus wissenschaftlicher Überzeugung. Außerdem begegnet man auf diese Weise wesentlich häufiger Bekannten, die glauben, man habe Zeit für ein Gespräch. Das ist zwar gelegentlich unerquicklich, liefert aber wertvolles Forschungsmaterial.

Sollten Sie also demnächst jemanden sehen, der scheinbar ziellos und gemächlich durch den Ort spaziert, so ziehen Sie bitte keine voreiligen Schlüsse. Möglicherweise handelt es sich um einen hochkonzentrierten Wissenschaftler bei der Datenerhebung. Oder um mich auf dem Weg zum Bäcker.

Beides ist im Grunde dasselbe.

In diesem Sinne verbleibe ich Ihr

Prof. Dr. Heinz C. Schabulke *
Emeritierter Spezialist für Geronto-Pedalogie
Ehemaliger Managing Director senior-tours.de
Institut für angewandte Altersmobilität,
Abteilung Rückenwindforschung

P.S.: Wer langsam genug geht, wird irgendwann von seiner eigenen Eile überholt. Ein äußerst beruhigender Anblick.

Prof. Dr. Heinz C. Schabulke - Seniorenbeirat Aar-Einrich
Emeritierter Spezialist für Geronto-Pedalogie. Forscht seit Jahrzehnten über das Älterwerden, Rückenwind und andere unterschätzte Wissenschaften. Seine Theorien sind umstritten. Seine Existenz auch.