Eine Abhandlung von Prof. Dr. Heinz C. Schabulke
Ich werde häufig gefragt, ob ein Glas Wein am Abend das Leben verlängert.
Diese Frage wird fast immer von Menschen gestellt, die bereits ein Glas Wein in der Hand halten. Das ist wissenschaftlich ungünstig, weil das Ergebnis der Untersuchung dadurch emotional vorbelastet ist. Ich beantworte sie dennoch.
Die moderne Forschung beschäftigt sich bekanntlich mit Blutwerten, Zellalterung, Antioxidantien und ähnlichen Dingen. Das ist alles sehr verdienstvoll. Ich hingegen beschäftige mich seit Jahrzehnten mit dem Menschen. Das halte ich für die anspruchsvollere Disziplin.
Meine ersten Untersuchungen führte ich 1978 in einem kleinen Weingut an der Mosel durch. Oder war es in der Pfalz? Es könnte auch Südtirol gewesen sein. Ich erinnere mich nur noch an den Winzer, der behauptete, sein Riesling enthalte sämtliche Mineralien, die ein Mensch zum Glücklichsein benötige. Er hatte dafür keinerlei Belege, aber einen bemerkenswert überzeugenden Gesichtsausdruck.
Das genügte mir damals als Ausgangspunkt einer Langzeitstudie.
Nun beobachten wir doch einmal ältere Menschen.
Diejenigen, die sich gelegentlich mit Freunden zu einem Glas Wein treffen, sitzen selten schweigend nebeneinander. Sie erzählen Geschichten. Manche zum ersten Mal, andere zum zwanzigsten. Es wird gelacht, widersprochen, ergänzt und gelegentlich behauptet, der eigene Schwager habe Helmut Schmidt persönlich den Regenschirm geliehen. Niemand überprüft solche Aussagen. Das wäre unhöflich und außerdem völlig nebensächlich.
Der Wein selbst bewirkt dabei vermutlich weniger als das, was um ihn herum geschieht.
Ein Mensch, der lacht, lebt für diesen Augenblick ausgesprochen intensiv. Ein Mensch, der gemeinsam isst, diskutiert und sich erinnert, vergisst erstaunlicherweise oft, wie alt er eigentlich ist. Das halte ich für einen erheblichen medizinischen Vorteil.
Natürlich darf man dabei Maß halten.
Ich habe einmal einen Herrn kennengelernt, der fest davon überzeugt war, wenn ein Glas gesund sei, müssten sieben Gläser siebenmal gesünder sein. Diese Theorie hielt exakt bis zur dritten Treppenstufe.
Auch die Behauptung, Rotwein verlängere das Leben, wird oft missverstanden.
Nach meinen Berechnungen verlängert Wein nicht das Leben. Er verkürzt lediglich manche Abende auf angenehmste Weise. Das wird häufig verwechselt.
Überhaupt wird die Lebensdauer überschätzt.
Entscheidend ist doch nicht, ob man hundert Jahre alt wird. Entscheidend ist, ob man mit fünfundachtzig noch Menschen findet, mit denen man über den Unsinn der Welt lachen kann. Wer dabei ein gutes Glas Wein in der Hand hält, hat die Rahmenbedingungen bereits deutlich verbessert.
Ich erinnere mich an eine Wirtin in der Toskana. Eine kleine Frau mit der Autorität eines Feldmarschalls. Sie schenkte jedem Gast genau ein Glas nach. Wer ein zweites wollte, musste zunächst erzählen, warum der Tag heute besser gewesen sei als gestern.
Damals hielt ich das für eine sonderbare Geschäftsstrategie.
Heute vermute ich, sie betrieb in Wahrheit Gesundheitsvorsorge.
Deshalb lautet meine Empfehlung an alle Leserinnen und Leser: Trinken Sie Wein nicht, um länger zu leben. Trinken Sie ihn auch nicht, weil irgendeine Studie das behauptet.
Trinken Sie gelegentlich ein gutes Glas mit Menschen, deren Gesellschaft Ihnen wichtiger ist als der Alkohol.
Falls sich dadurch Ihr Leben verlängert, freue ich mich selbstverständlich als Wissenschaftler.
Falls nicht, war es wenigstens ein schöner Abend.
In diesem Sinne verbleibe ich Ihr
Prof. Dr. Heinz C. Schabulke
Emeritierter Spezialist für Geronto-Pedalogie
Ehemaliger Managing Director senior-tours.de
Institut für angewandte Altersmobilität,
Abteilung Rückenwindforschung
P.S.: Die längste Lebensdauer beobachtete ich übrigens bei einem alten Winzer in der Provence. Er behauptete steif und fest, nie einen Tropfen Wein zu trinken. Während unseres dreistündigen Gesprächs musste ich allerdings fünfmal nachschenken. Seine Erinnerung war erheblich schlechter als seine Gesundheit.

