zum Inhalt

Es gibt im Alter Dinge, die dauern länger.

Das Aufstehen aus einem tiefen Sessel zum Beispiel. Das Entziffern der Speisekarte bei Kerzenlicht. Oder die Entscheidung, ob man nach dem Essen wirklich noch einen Grappa braucht.

Andere Dinge hingegen gehen erstaunlich schnell.

Das Vergessen zum Beispiel.

Neulich saß ich mit meiner Frau bei einem Glas Wein. Ich bemerkte, dass mein Glas einen bedauerlichen Zustand erreicht hatte: Es war leer.

Also stand ich auf und ging in die Küche.

Ich möchte ausdrücklich festhalten, dass unsere Küche nicht in einem anderen Gebäudeteil liegt. Es handelt sich auch nicht um ein weitläufiges Anwesen. Hin und zurück benötigt ein durchschnittlich beweglicher Mensch vielleicht dreißig Sekunden.

Ich kam mit dem Wein zurück.

Meine Frau sah mich an und sagte:

„Ich wollte dir gerade etwas erzählen.“

Ich setzte mich.
„Ja?“

„Jetzt habe ich es vergessen.“

Das faszinierte mich. Dreißig Sekunden.

Ich war nicht zum Einkaufen gefahren. Ich hatte keine Weltreise unternommen. Ich hatte lediglich den Raum verlassen, eine Flasche geöffnet und war zurückgekehrt.

In dieser kurzen Zeit war eine komplette Mitteilung verschwunden.

Nicht teilweise. Nicht ungefähr. Weg!

Bemerkenswert ist dabei, dass der Mensch sehr wohl noch weiß, dass da etwas war. Nur was es war, weiß er nicht mehr.

Das Gehirn meldet gewissermaßen: „Es lag hier eben noch.“

Man kennt dieses Phänomen auch aus anderen Situationen. Man geht in die Küche und bleibt dort stehen.

Warum bin ich hier? Man öffnet den Kühlschrank.....

Keine Ahnung!

Man schaut hinein, als könne zwischen Butter und Senf ein Hinweis liegen.

Nichts!

Also schließt man den Kühlschrank wieder und geht zurück.

Und kaum sitzt man wieder:

Milch! Natürlich!

Ich habe mich mit diesem Phänomen im Rahmen meiner langjährigen Forschungen am Institut für angewandte Altersmobilität beschäftigt und bin zu einem bemerkenswerten Ergebnis gekommen:

Das Gedächtnis älterer Menschen funktioniert keineswegs schlecht.

Es arbeitet lediglich nach einem eigenen Ablagesystem. Leider kennt niemand dieses Ablagesystem.
Auch das Gehirn selbst nicht.

Wissenschaftlich etwas nüchterner betrachtet, ist die Sache weniger geheimnisvoll. Ein Gedanke, der gerade erst entstanden ist, befindet sich zunächst nur für kurze Zeit in unserem Arbeitsgedächtnis. Wird er nicht weiterverfolgt oder mit etwas anderem verknüpft, kann eine kleine Unterbrechung genügen – ein Geräusch, eine neue Wahrnehmung oder ein Mann, der aufsteht, um Wein zu holen.

Schon ist der Gedanke nicht mehr greifbar.

Das passiert übrigens keineswegs nur älteren Menschen.

Wir bemerken es im Alter vielleicht häufiger. Und möglicherweise ärgern wir uns auch mehr darüber, weil sofort dieser unangenehme Verdacht auftaucht:

Jetzt geht es los!

Dabei ist ein gelegentlich verschwundener Gedanke zunächst einmal genau das: ein verschwundener Gedanke.

Und manchmal geschieht etwas noch Merkwürdigeres.

Zehn Minuten später sagt meine Frau plötzlich: „Jetzt weiß ich es wieder!“

Ohne Vorwarnung.

Wir haben längst über etwas völlig anderes gesprochen.

Der Gedanke ist zurück. Wo war er?

Was hat er in diesen zehn Minuten gemacht?

Warum meldet er sich ausgerechnet jetzt?

Darüber gibt die Wissenschaft meines Wissens bislang nur unbefriedigend Auskunft.

Ich habe deshalb eine eigene Theorie entwickelt.

Gedanken älterer Menschen verschwinden nicht.

Sie gehen gelegentlich spazieren. Und manche brauchen eben etwas länger, bis sie wieder nach Hause finden.

Seitdem sehe ich die Sache gelassener.

Wenn mir etwas nicht einfällt, suche ich nicht mehr verzweifelt danach. Ich vertraue darauf, dass mein Gehirn weiß, wo es liegt.

Meistens kommt es tatsächlich zurück.

Gelegentlich nachts um halb drei. Dann liege ich im Bett und denke:

Ach ja! Das wollte ich erzählen. Nur meine Frau schläft dann.

Und wenn sie am nächsten Morgen aufwacht, habe ich es wieder vergessen.

In diesem Sinne verbleibe ich

Ihr

Prof. Dr. Heinz C. Schabulke
Emeritierter Spezialist für Geronto-Pedalogie
Ehemaliger Managing Director senior-tours.de
Institut für angewandte Altersmobilität,
Abteilung Rückenwindforschung

P.S.: Meine Frau meint übrigens, ich solle künftig die Weinflasche gleich am Tisch stehen lassen. Rein medizinisch halte ich diesen Vorschlag für ausgesprochen vernünftig.

Prof. Dr. Heinz C. Schabulke - Seniorenbeirat Aar-Einrich
Emeritierter Spezialist für Geronto-Pedalogie. Forscht seit Jahrzehnten über das Älterwerden, Rückenwind und andere unterschätzte Wissenschaften. Seine Theorien sind umstritten. Seine Existenz auch.

Kommentare

Neueste Artikel