Blick über den Tellerrand: Wie andere Regionen Unterstützung organisieren – und welche Anregungen sich daraus für die Arbeit vor Ort ergeben.
Der Smartphone-Kurs ist vorbei. Das Versenden von Fotos klappt, die erste Videounterhaltung mit den Enkeln auch. Einige Wochen später sieht eine Anwendung plötzlich anders aus. Eine Anmeldung funktioniert nicht mehr, eine Fehlermeldung erscheint. Was nun?
Diese beispielhafte Situation beschreibt eine Lücke zwischen dem Lernen und dem selbstständigen Umgang mit digitaler Technik. Wer etwas gelernt hat, kann deshalb noch längst nicht jedes neue Problem lösen. Entscheidend ist auch, ob im richtigen Moment jemand erreichbar ist, der geduldig weiterhilft.
Teilhabe braucht verlässliche Hilfe
Herbert Kubicek beschäftigt sich in seinem 2022 erschienenen Buch „Digitale Teilhabe im Alter“ mit der Frage, wie solche Unterstützung organisiert werden kann. Eine wesentliche Grundlage ist eine Befragung von mehr als 11.000 Menschen ab 60 Jahren in Bremen und Bremerhaven aus dem Jahr 2021.
Sein Ansatz reicht über die Vermittlung von Gerätekenntnissen hinaus: Menschen haben unterschiedliche Voraussetzungen. Manche benötigen eine kurze Erklärung, andere wiederholte Begleitung. Wer nicht mehr gut zu Fuß ist, kann eine Sprechstunde möglicherweise gar nicht erreichen. Und auch Menschen, die das Internet bereits nutzen, brauchen gelegentlich Hilfe.
Kubicek plädiert deshalb für vielfältige Angebote, fachliche Unterstützung und eine kommunale Koordination. Ehrenamtliche Hilfe soll dabei in ein verlässliches Netzwerk eingebunden werden. Seine Untersuchung stammt aus einem städtischen Umfeld. Neuere Entwicklungen zeigen jedoch, wie diese Gedanken auch auf dem Land aufgegriffen werden können.
Kleine Gemeinden ausdrücklich im Blick
Seit 2026 fördern der DigitalPakt Alter und die Commerzbank-Stiftung gezielt sogenannte Erfahrungsorte in Gemeinden mit höchstens 5.000 Einwohnern. Dort sollen ältere Menschen digitale Anwendungen kennenlernen, ausprobieren und Fragen stellen können. Bis 2029 sind jährlich 25 Förderungen von jeweils 2.000 Euro vorgesehen. Hinzu kommen Beratung, Qualifizierung und Vernetzung.
Bemerkenswert sind die Auswahlkriterien: Berücksichtigt werden unter anderem die Zusammenarbeit mit kommunalen Stellen und örtlichen Organisationen sowie die gezielte Ansprache schwer erreichbarer Menschen. Dazu gehören etwa Hochaltrige oder pflegebedürftige Ältere. Auch Angebote an mehreren Standorten einer Region sind möglich. Der Ansatz verbindet damit wohnortnahe Hilfe mit einem gemeinsamen organisatorischen Rahmen. (DigitalPakt Alter: Förderung im ländlichen Raum, Förderbedingungen)
Eine solche Förderung kann Geräte, Materialien und den Aufbau eines Angebots unterstützen. Eine dauerhaft erreichbare Hilfe entsteht daraus allerdings erst, wenn Menschen, Räume und Zuständigkeiten auch über die Förderung hinaus gesichert sind.
Wenn die Unterstützung nach Hause kommt
Einen anderen Schwerpunkt setzt das Modellprojekt „Klick & Klar – digital leben im Alltag“ in Baden-Württemberg. In Willstätt und Reute-Gaisbeuren werden Digitalpatenschaften zwischen jüngeren und älteren Menschen erprobt. Persönliche Begegnungen und Unterstützung im eigenen Wohnumfeld stehen im Mittelpunkt.
Der Gedanke ist für ländliche Regionen interessant: Hilfe soll Menschen auch dann erreichen, wenn der Weg zu einem Kurs beschwerlich ist. Zugleich können vertraute Kontakte in der Nachbarschaft den Einstieg erleichtern.
Das Projekt läuft bis Ende 2026. Seine Erfahrungen sollen anschließend öffentlich zugänglich gemacht werden. Es ist damit ein Ansatz zum Lernen und Erproben; eine abschließende Aussage über seine Wirksamkeit lässt sich daraus bisher nicht ableiten. (Ministerium für Ländlichen Raum Baden-Württemberg: „Klick & Klar“)
Erfahrungen aus Rheinland-Pfalz
Auch in Rheinland-Pfalz gehören persönliche Begleitung und Hausbesuche zum Spektrum der Digital-Botschafterinnen und Digital-Botschafter. Das Landesprojekt verbindet ehrenamtliches Engagement mit Qualifizierung und Unterstützung durch die Medienanstalt Rheinland-Pfalz. Welche Angebote tatsächlich verfügbar sind, hängt von den jeweiligen örtlichen Möglichkeiten ab. (Land Rheinland-Pfalz: Digital-Botschafterinnen und -Botschafter)
Ein konkretes Beispiel liefert der Landkreis Südliche Weinstraße. In einer Mitteilung vom Juli 2026 beschreibt er unterschiedliche Angebote in den Verbandsgemeinden: regelmäßige Gruppentreffen ebenso wie mögliche Hausbesuche in Orten der Verbandsgemeinde Landau-Land. Darüber hinaus wollen sich die Ehrenamtlichen bei Bedarf mit ihren unterschiedlichen Fachkenntnissen gegenseitig unterstützen. (Landkreis Südliche Weinstraße: Digitale Unterstützung vor Ort)
Darin liegt eine Anregung: Nicht in jedem Dorf muss eine einzelne Person alle Fragen beantworten können. Ein Netzwerk kann Wissen bündeln und die Helfenden selbst entlasten.
Aar-Einrich: Auf vorhandenen Angeboten aufbauen
In Aar-Einrich gibt es bereits vielfältige Möglichkeiten, digitale Technik kennenzulernen und Unterstützung zu erhalten. Drei Digitalbotschafter engagieren sich in der Verbandsgemeinde, ein weiterer im benachbarten Diez. Handykurse richten sich sowohl an Anfängerinnen und Anfänger als auch an Fortgeschrittene. Hinzu kommen regelmäßige Computerhilfen und Computertreffs.
Auch neue Entwicklungen werden aufgegriffen: Vorträge erläutern künstliche Intelligenz für Seniorinnen und Senioren, während KI-Workshops Fortgeschrittenen Gelegenheit zur vertieften Beschäftigung geben. Die in Aar-Einrich betriebene Webseite seniorenundtechnik.de ergänzt die persönlichen Angebote. Hausbesuche gehören ebenfalls zur Unterstützung, finden inzwischen allerdings seltener statt.
Damit wird vor Ort bereits vieles umgesetzt, was auch die vorgestellten Ansätze auszeichnet: unterschiedliche Lernangebote, persönliche Hilfe und Möglichkeiten zum Austausch. Die Erfahrungen anderer Regionen sind deshalb vor allem als Anregung interessant, wie sich diese Arbeit weiterentwickeln und langfristig sichern lässt.
Gerade die seltener gewordenen Hausbesuche berühren eine Frage aus Kubiceks Buch: Wie können Menschen Unterstützung erhalten, wenn sie Kurse und Treffs nicht mehr selbst aufsuchen können? Ob dafür zusätzliche Angebote erforderlich sind und wie diese aussehen könnten, lässt sich nur anhand der örtlichen Bedürfnisse und der verfügbaren Kräfte beurteilen.
Zugleich verdient die Unterstützung der Ehrenamtlichen Aufmerksamkeit. Erfahrungsaustausch, Weiterbildung, verlässliche Ansprechpartner und eine gute Zusammenarbeit mit bestehenden Beratungsstellen können dazu beitragen, die vielfältigen Angebote dauerhaft zu tragen. Der Blick über den Tellerrand kann helfen, Bewährtes zu stärken und passende Ergänzungen zu entdecken.
Selbstständigkeit ist das Ziel
Digitale Unterstützung sollte sich an den Wünschen der Menschen orientieren. Für den einen ist das ein Foto an die Familie, für die andere eine Fahrplanauskunft oder ein selbstständig vereinbarter Termin. Nicht jeder möchte alles nutzen. Ebenso sollten persönliche und telefonische Zugänge zu wichtigen Leistungen erhalten bleiben.
Die aktuellen Beispiele machen eine Richtung sichtbar: Kurse, persönliche Begleitung, Hilfe zu Hause und die Zusammenarbeit verschiedener Stellen können einander ergänzen. Dazu braucht es Menschen, die erklären – und Strukturen, die diese Menschen unterstützen.
Die Frage für eine altersfreundliche Region lautet deshalb auch: Wie sorgen wir dafür, dass jemand Hilfe findet, wenn das Gelernte allein nicht mehr weiterhilft?
Recherchestand: 2. November 2026. Die Angaben zu den Angeboten in Aar-Einrich und Diez beruhen auf Informationen aus der örtlichen Arbeit.


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