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# Vom hohen wissenschaftlichen Wert nutzloser Dinge
- URL: https://ghost2.stiehl-wolf.synology.me/vom-hohen-wissenschaftlichen-wert-nutzloser-dinge/
- Published: 2026-09-20T18:11:20.000Z
- Updated: 2026-09-20T18:11:20.000Z
- Author: Prof. Dr. Heinz C. Schabulke
- Tags: Schabulkes Welt

*Notizen aus dem Arbeitszimmer von Prof. Dr. Heinz C. Schabulke*

Neulich fiel meiner Besucherin beim Abstellen ihrer Kaffeetasse jener Stein auf, der seit vielen Jahren auf meinem Schreibtisch liegt. Es handelt sich um ein graues, etwas abgeflachtes Exemplar von geologisch vermutlich überschaubarem Ehrgeiz, das weder funkelt noch eine seltene Einschließung aufweist. Meine Besucherin drehte ihn zwischen den Fingern und fragte, wozu ich ihn brauche. Da ich gerade damit beschäftigt war, ein Gebäckstück möglichst unauffällig aus der Untertasse zu bergen, antwortete ich zunächst, er liege dort. Diese Auskunft befriedigte sie erkennbar nicht, obwohl sie den Sachverhalt vollständig beschrieb.

Ich hätte ihr erklären können, dass ich den Stein vor Jahrzehnten an einer Küste aufgehoben hatte, während ich auf einen Kollegen wartete, dessen Forschungsgebiet mir inzwischen entfallen ist, dessen Unpünktlichkeit aber Maßstäbe setzte. Wir saßen später bis zum Abend am Wasser und führten ein Gespräch, von dem ich keinen einzigen wissenschaftlich verwertbaren Satz mehr weiß. Geblieben sind das Licht, der Wind und die Erinnerung daran, dass wir uns ausgesprochen wenig vorgenommen hatten. Der Stein ist gewissermaßen das erhaltene Sitzungsprotokoll.

Stattdessen sagte ich, er eigne sich gelegentlich als Briefbeschwerer. Meine Besucherin nickte erleichtert, und ich empfand sofort eine gewisse Beschämung darüber, dass ich einen langjährigen Weggefährten zum Büromaterial herabgestuft hatte, nur damit sein Aufenthalt auf meiner Schreibtischplatte gesellschaftlich anerkannt wurde.

Die Frage „Wozu brauchst du das?“ begegnet einem mit zunehmendem Alter bemerkenswert häufig. Sie betrifft zunächst alte Schlüssel, ausgediente Schachteln und jene Kabel, deren zugehörige Geräte vermutlich bereits in technikhistorischen Sammlungen stehen. Später erfasst sie mitunter den ganzen Tagesablauf. Wer morgens das Haus verlässt, sollte ein Ziel haben; wer nachmittags im Garten sitzt, wenigstens Unkraut erkennen; und wer sich mit etwas beschäftigt, tut gut daran, einen Nutzen nennen zu können. Ich selbst habe einmal behauptet, das Betrachten meiner Rosen diene der vergleichenden Blütenbeobachtung. Tatsächlich saß ich nur gern dort und hatte meine Brille im Haus vergessen.

Es scheint mir deshalb an der Zeit, ein Forschungsgebiet zu würdigen, dessen Vernachlässigung ich seit Langem mit wachsender fachlicher Sorge verfolge: die zweckfreie Beschäftigung unter besonderer Berücksichtigung angenehmer Nachmittage.

Erste Vorarbeiten dazu entstanden während eines Aufenthalts in einer kleinen Pension an der Ostsee, über dessen dienstlichen Charakter die damaligen Unterlagen erfreulich wenig Auskunft geben. Der Wirt fertigte winzige Segelschiffe aus Holzresten, die er anschließend auf ein Fensterbrett stellte. Auf meine Frage, ob er sie verkaufe, sah er mich mit jener geduldigen Verwunderung an, die man gewöhnlich Menschen entgegenbringt, welche eine Tür drücken, auf der deutlich „Ziehen“ steht. Er baue sie, erklärte er, weil er gern Segelschiffe baue. Ich notierte diesen Befund zunächst als unzureichende Begründung. Heute würde ich ihm die Leitung einer Arbeitsgruppe anvertrauen.

Denn wir haben uns angewöhnt, selbst das Vergnügen mit einer Tätigkeitsbeschreibung auszustatten. Spazierengehen soll die Beweglichkeit erhalten, Rätseln das Gedächtnis fördern, Singen die Atmung unterstützen, und wer mit anderen Menschen Kaffee trinkt, betreibt offenbar soziale Kontaktpflege. Das mag alles zutreffen. Dennoch frage ich mich gelegentlich, ob man ein zweites Stück Apfelkuchen nicht auch deshalb nehmen darf, weil das erste ausgezeichnet war.

Gerade im Ruhestand ist diese Frage von einer gewissen Tragweite. Nach Jahrzehnten, in denen Wecker klingelten, Kinder versorgt, Angehörige begleitet und Termine eingehalten werden mussten, könnte man eigentlich erwarten, dass ein Mensch gelegentlich ohne weitere Begründung zufrieden auf einer Bank sitzen darf. Stattdessen erkundigt man sich freundlich, ob er denn noch eine Aufgabe habe. Das Wort „noch“ wird dabei so behutsam ausgesprochen, dass man seine Zumutung beinahe überhört.

Ich schätze Aufgaben durchaus. Auch das Ehrenamt verdient jede Anerkennung, und ich kenne Menschen, die darin eine Freude gefunden haben, die ihnen ihr früherer Beruf nur selten gewährte. Bedauerlich wäre lediglich, wenn aus der Möglichkeit, gebraucht zu werden, eine Pflicht entstünde, seine Daseinsberechtigung täglich durch einen ausgefüllten Kalender nachzuweisen. Ein freier Dienstag ist schließlich kein persönliches Versäumnis.

Eine Bekannte erzählte mir kürzlich, sie gehe manchmal einen kleinen Umweg, weil an einem bestimmten Zaun eine Katze sitze. Ob das Tier sich streicheln lasse, hänge von Umständen ab, in die sie bisher keinen vollständigen Einblick erhalten habe. Gelegentlich sei es überhaupt nicht da. Auf meine Frage, ob sie dann enttäuscht sei, antwortete sie, der Weg sei trotzdem schön. Ich hielt das für ein bemerkenswert ausgereiftes Verhältnis zur Ergebnisoffenheit und habe seither erwogen, den Zaun in meine eigenen Untersuchungen einzubeziehen.

Vielleicht liegt gerade darin ein Vorzug des Älterwerdens: Man darf allmählich aufhören, für jede Vorliebe einen Antrag auf Anerkennung zu stellen. Man kann etwas sammeln, ohne eine Sammlung von Bedeutung anzulegen, ein Lied singen, ohne seine Stimme zu verbessern, und aus dem Fenster schauen, ohne auf jemanden zu warten. Selbstverständlich lässt sich auch daraus wieder ein Nutzen ableiten. Ich würde jedoch empfehlen, damit wenigstens bis nach dem Kaffee zu warten.

Meinen Stein habe ich inzwischen von den Briefen befreit und ein wenig näher ans Fenster gelegt. Dort bekommt er am Nachmittag jenes Licht, das seiner wissenschaftlichen Bedeutung angemessen ist. Sollte meine Besucherin erneut fragen, wozu ich ihn brauche, werde ich ihr von dem Kollegen erzählen, vom Wind und von unserem langen Gespräch am Wasser. Vermutlich wird darüber der Kaffee kalt werden.

Wir könnten dann einen neuen aufsetzen. Zeit wäre ja da.

In diesem Sinne verbleibe ich Ihr  
  
**Prof. Dr. Heinz C. Schabulke**  
Emeritierter Spezialist für Geronto-Pedalogie  
Ehemaliger Managing Director senior-tours.de  
Institut für angewandte Altersmobilität,  
Abteilung Rückenwindforschung

*P.S. Meine Besucherin hat inzwischen ebenfalls einen Stein auf ihrem Schreibtisch liegen. Sie sagt, er passe farblich zur Lampe. Ich halte das für eine vorläufige Schutzbehauptung, wie sie in frühen Phasen wissenschaftlicher Neuorientierung durchaus üblich ist, und werde die Entwicklung mit der gebotenen Zurückhaltung begleiten.*

[Prof. Dr. Heinz C. Schabulke - Seniorenbeirat Aar-EinrichEmeritierter Spezialist für Geronto-Pedalogie. Forscht seit Jahrzehnten über das Älterwerden, Rückenwind und andere unterschätzte Wissenschaften. Seine Theorien sind umstritten. Seine Existenz auch.![](https://ghost2.stiehl-wolf.synology.me/content/images/icon/Seniorenbeirat_Logo_offiziell_transparent616x405-1-904d2b6f-3529-463d-9547-f488dc3170ed.png)Seniorenbeirat Aar-Einrichzum Inhalt![](https://ghost2.stiehl-wolf.synology.me/content/images/thumbnail/ChatGPT-Prof.-Schabulke-1-1a2c5cbf-f2a2-44d5-aa21-f091fc4e2904.jpg)](https://ghost2.stiehl-wolf.synology.me/author/prof%5Fschabulke/)