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# Mutmaßlich war es ein Dieb
- URL: https://ghost2.stiehl-wolf.synology.me/mutmasslich-war-es-ein-dieb/
- Published: 2026-11-08T21:36:47.000Z
- Updated: 2026-11-08T21:36:47.000Z
- Author: Prof. Dr. Heinz C. Schabulke
- Tags: Schabulkes Welt

Heute Morgen hörte ich Radio. Das tue ich öfter. Es hält mich darüber auf dem Laufenden, was draußen in der Welt geschieht, ohne dass ich dafür aufstehen und nachsehen muss.

In der vergangenen Nacht, so berichtete der Nachrichtensprecher, sei in ein Fahrradgeschäft eingebrochen worden. So weit, so unerfreulich. Dann kam der Satz, an dem ich hängen blieb: „Mutmaßliche Diebe brachen in das Fahrradgeschäft ein.“

Ich habe darüber nachgedacht. Wer bricht eigentlich sonst in ein Fahrradgeschäft ein? Kunden scheiden normalerweise aus. Die benutzen während der Öffnungszeiten die Tür und bezahlen anschließend an der Kasse. Auch ein Vertreter der Fahrradindustrie wird selten nachts ein Fenster einschlagen, um sich über die aktuelle Modellpalette zu informieren.

Bleiben also tatsächlich Diebe.

Oder genauer gesagt: mutmaßliche Diebe.

Das Wort „mutmaßlich“ hat in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Karriere gemacht. Es gehört inzwischen zu Nachrichten wie das Wetter zum April: der mutmaßliche Täter, der mutmaßliche Einbrecher, der mutmaßliche Betrüger, der mutmaßliche Autodieb.

Natürlich verstehe ich den Grund. Solange ein Gericht jemanden nicht verurteilt hat, gilt er nicht als schuldig. Das ist gut so. Es wäre zweifellos problematisch, jemanden im Radio bereits zum Verbrecher zu erklären, während Polizei und Staatsanwaltschaft noch ermitteln. Trotzdem entstehen dadurch sprachlich bemerkenswerte Situationen.

Nehmen wir an, ein Mann wird nachts dabei beobachtet, wie er mit einem Brecheisen die Tür eines Juweliergeschäfts öffnet, anschließend Schmuck in eine Tasche steckt und beim Verlassen des Geschäfts von der Polizei festgenommen wird. Am nächsten Morgen heißt es vermutlich: „Die Polizei nahm einen mutmaßlichen Einbrecher fest.“

Das ist korrekt. Aber irgendetwas in mir möchte trotzdem fragen: Was müsste der Mann denn noch tun? Eine Visitenkarte hinterlassen? „Guten Abend. Mein Name ist Müller. Ich bin Einbrecher.“

Vielleicht wäre selbst das nicht ausreichend. Dann wäre er vermutlich ein Mann, der sich mutmaßlich als Einbrecher bezeichnet.

Ich fürchte allerdings, dass das Wort noch längst nicht am Ende seiner Entwicklung angekommen ist. Wir könnten es sicherheitshalber auch auf andere Bereiche unseres Lebens übertragen. Der mutmaßliche Autofahrer wurde bei einer Geschwindigkeitskontrolle angehalten. Die mutmaßliche Kundin verließ den Supermarkt mit zwei Einkaufstüten. Der mutmaßliche Hundebesitzer wurde dabei beobachtet, wie er einen Dackel an der Leine führte.

Und der mutmaßliche Rentner saß morgens um halb zehn beim Bäcker und hatte erstaunlich viel Zeit.

Gerade bei Letzterem wäre ich vorsichtig. Man weiß schließlich nie. Vielleicht hat er Urlaub.

Besonders nützlich wäre „mutmaßlich“ im privaten Bereich. Meine Frau könnte künftig sagen: „Der mutmaßliche Ehemann hat schon wieder vergessen, den Müll hinauszubringen.“ Das eröffnet völlig neue Verteidigungsmöglichkeiten. Ich könnte darauf hinweisen, dass meine Eigenschaft als Ehemann offenbar noch nicht abschließend gerichtlich festgestellt wurde und ich deshalb von weiteren Schuldzuweisungen bitte abzusehen.

Auch der berühmte Satz „Du hast schon wieder die Spülmaschine nicht ausgeräumt“ ließe sich entschärfen: „Du hast die Spülmaschine mutmaßlich nicht ausgeräumt.“ Damit könnte ich leben. Im Gegenzug würde ich natürlich ebenfalls sorgfältiger formulieren: „In unserem Kühlschrank befindet sich mutmaßlich noch ein Stück Kuchen.“ Damit wäre ich auf der sicheren Seite, falls jemand anderes schneller gewesen ist.

Überhaupt könnte „mutmaßlich“ helfen, viele familiäre Auseinandersetzungen zu entschärfen. Statt „Du hast die Heizung hochgedreht“ hieße es künftig: „Du hast mutmaßlich die Heizung hochgedreht.“ Schon entsteht Raum für Ermittlungen. Fingerabdrücke am Thermostat könnten ausgewertet, Zeugen befragt und gegebenenfalls ein Sachverständiger hinzugezogen werden. Bis dahin gilt die Unschuldsvermutung.

Vielleicht ist das Wort deshalb so beliebt. Es schafft Abstand. Nichts ist mehr ganz sicher. Niemand ist wirklich Täter, Fahrer, Besitzer oder Verursacher. Wir bewegen uns alle in einem angenehmen sprachlichen Nebel aus Möglichkeiten.

Und vermutlich ist das sogar vernünftig. Denn wie oft haben wir uns schon geirrt? Wir sehen etwas, hören etwas, ziehen unsere Schlüsse – und anschließend stellt sich heraus, dass alles ganz anders war. Insofern hat das kleine Wörtchen durchaus seine Berechtigung.

Nur gelegentlich wünsche ich mir, dass die Sprache trotz aller notwendigen Vorsicht noch ein wenig Vertrauen in das Offensichtliche behalten darf. Wenn nachts jemand die Scheibe eines Fahrradgeschäfts einschlägt und anschließend mit drei Fahrrädern davonfährt, liegt zumindest ein gewisser Anfangsverdacht vor, dass er nicht wegen einer Probefahrt gekommen ist.

Aber vielleicht bin ich da altmodisch. Ich bin schließlich nur Professor für Geronto-Pedalogie und angewandte Altersmobilität.

Mutmaßlich.

In diesem Sinne verbleibe ich

Ihr

**Prof. Dr. Heinz C. Schabulke**  
Emeritierter Spezialist für Geronto-Pedalogie  
Ehemaliger Managing Director senior-tours.de  
Institut für angewandte Altersmobilität,  
Abteilung Rückenwindforschung

*P.S.: Auch meine Existenz ist bislang nicht abschließend gerichtlich bestätigt worden. Ich bitte deshalb darum, mich bis auf Weiteres nur als mutmaßlichen Professor zu bezeichnen.*

[Prof. Dr. Heinz C. Schabulke - Seniorenbeirat Aar-EinrichEmeritierter Spezialist für Geronto-Pedalogie. Forscht seit Jahrzehnten über das Älterwerden, Rückenwind und andere unterschätzte Wissenschaften. Seine Theorien sind umstritten. Seine Existenz auch.![](https://ghost2.stiehl-wolf.synology.me/content/images/icon/Seniorenbeirat_Logo_offiziell_transparent616x405-1-904d2b6f-3529-463d-9547-f488dc3170ed.png)Seniorenbeirat Aar-Einrichzum Inhalt![](https://ghost2.stiehl-wolf.synology.me/content/images/thumbnail/ChatGPT-Prof.-Schabulke-1-1a2c5cbf-f2a2-44d5-aa21-f091fc4e2904.jpg)](https://ghost2.stiehl-wolf.synology.me/author/prof%5Fschabulke/)