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# Als man mit dem Telefon noch Gespräche führte
- URL: https://ghost2.stiehl-wolf.synology.me/als-man-mit-dem-telefon-noch-gesprache-fuhrte/
- Published: 2026-10-04T18:11:46.000Z
- Updated: 2026-10-04T18:11:46.000Z
- Author: Prof. Dr. Heinz C. Schabulke
- Tags: Schabulkes Welt

*Notizen aus dem Arbeitszimmer von Prof. Dr. Heinz C. Schabulke*

Neulich wollte ich einen alten Kollegen anrufen, mit dem ich seit geraumer Zeit nicht gesprochen hatte. Ich hatte seine Nummer bereits aufgerufen, als mir einfiel, dass man heute besser zunächst schriftlich anfragt, ob ein Telefonat gerade gelegen käme. Ich schrieb also: „Darf ich kurz anrufen?“ Er antwortete nach einiger Zeit: „Worum geht es?“ Das brachte mich in Schwierigkeiten, denn ich hatte weder einen Tagesordnungspunkt noch einen Wasserschaden zu melden. Ich wollte lediglich wissen, wie es ihm ging. Nach einigem Nachdenken schrieb ich: „Persönlicher Austausch.“ Seither vermutet er, ich wolle eine Versicherung verkaufen.

Unser früheres Telefon hätte eine solche Entwicklung gar nicht zugelassen. Es stand im Flur und klingelte mit einer Entschlossenheit, die keinen Zweifel daran ließ, dass jetzt jemand mit uns sprechen wollte. Man nahm ab, nannte seinen Namen und erfuhr das Weitere im Gespräch. Gelegentlich war eine Tante am Apparat, gelegentlich die Werkstatt, einmal ein Herr, der meine Mutter für die Kreisverwaltung hielt. Sie konnte ihm trotzdem helfen, was innerhalb der Familie niemanden überraschte.

Neben dem Telefon lag ein Notizblock, auf dem mein Vater Zahlen festhielt, während meine Mutter Blumen zeichnete. Meine eigenen Aufzeichnungen bestanden überwiegend aus geometrischen Gebilden, die bereits früh eine wissenschaftliche Laufbahn erkennen ließen, allerdings auch als Gartenzäune gedeutet wurden. Wer telefonierte, tat nebenher wenig Bedeutendes. Dafür hörte man gelegentlich Dinge, die der andere erst nach einer Weile sagte.

Mit diesem Phänomen beschäftigte ich mich schon während meiner beratenden Tätigkeit an einem Institut für angewandte Gesprächskunde, dessen Sitz aus Gründen der Drittmittelförderung mehrfach verlegt werden musste. Unser damaliger Hausmeister vertrat die Auffassung, das Wesentliche komme immer erst nach „Na, sonst alles gut?“. Wir hielten das zunächst für unwissenschaftlich, mussten ihm jedoch recht geben, nachdem er auf diese Weise von der bevorstehenden Schließung des Instituts erfahren hatte. Die Institutsleitung befand sich zu diesem Zeitpunkt noch in einer Besprechung über verbesserte Kommunikation.

Heute kann mein Telefon fotografieren, navigieren und mich daran erinnern, mehr zu gehen. Dass es gelegentlich auch klingelt, scheint fast eine Störung seines eigentlichen Betriebs zu sein. Ich will darüber nicht klagen; gerade die Navigation hat mir wertvolle Dienste geleistet, seit ich mich bei einer wissenschaftlich begleiteten Wanderung versehentlich der falschen Seniorengruppe anschloss und erst beim gemeinsamen Abendgebet Verdacht schöpfte.

Allerdings wollte ich feststellen, ob ich selbst noch zu einem gewöhnlichen Gespräch fähig wäre. Ich schaltete deshalb sämtliche Hinweise aus, legte das Gerät beiseite und wartete auf einen Anruf. Nach zwei bemerkenswert stillen Tagen rief ich meinen Kollegen einfach an.

Er hörte mir geduldig zu, während ich meine Beobachtungen zur schwindenden Gesprächskultur erläuterte, einschließlich einiger vorläufiger Überlegungen zum Telefonmöbel als sozialem Ankerpunkt. Erst nach einer guten halben Stunde unterbrach er mich mit der Frage, ob ich eigentlich wissen wolle, wie es ihm gehe.

Natürlich wollte ich das. Ich hatte nur zunächst die Voraussetzungen erläutern müssen.

In diesem Sinne verbleibe ich Ihr  
  
**Prof. Dr. Heinz C. Schabulke**  
Emeritierter Spezialist für Geronto-Pedalogie  
Ehemaliger Managing Director senior-tours.de  
Institut für angewandte Altersmobilität,  
Abteilung Rückenwindforschung

**P.S.* Mein Kollege hat inzwischen vorgeschlagen, unsere Gespräche wieder regelmäßig zu führen. Er möchte dabei gelegentlich ebenfalls etwas sagen. Ich habe einer Erprobungsphase zugestimmt.*

[Prof. Dr. Heinz C. Schabulke - Seniorenbeirat Aar-EinrichEmeritierter Spezialist für Geronto-Pedalogie. Forscht seit Jahrzehnten über das Älterwerden, Rückenwind und andere unterschätzte Wissenschaften. Seine Theorien sind umstritten. Seine Existenz auch.![](https://ghost2.stiehl-wolf.synology.me/content/images/icon/Seniorenbeirat_Logo_offiziell_transparent616x405-1-904d2b6f-3529-463d-9547-f488dc3170ed.png)Seniorenbeirat Aar-Einrichzum Inhalt![](https://ghost2.stiehl-wolf.synology.me/content/images/thumbnail/ChatGPT-Prof.-Schabulke-1-1a2c5cbf-f2a2-44d5-aa21-f091fc4e2904.jpg)](https://ghost2.stiehl-wolf.synology.me/author/prof%5Fschabulke/)